Vor die Tür gesetzt ... äh gestellt:

Reto - der Freizeitgärtner

Reto - der Freizeitgärtner
Reto - der Freizeitgärtner

 „Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, kommentierte mal ein älterer Kollege von mir die neuesten Anweisungen unseres gemeinsamen Chefs. Letzterer war ein eifriger Jungmanager, dem nichts schnell genug gehen konnte - oft zum Nachteil des angestrebten Projektergebnisses.

 

Ein bedachtes Vorgehen wird in unserer schnelllebigen Zeit häufig als Ineffizienz gewertet. Hektischer Aktionismus wird dagegen als dynamisches Vorgehen interpretiert. Im Zweifelsfalle liegt der Fehler sowieso bei einem anderen.

 

Gerne hätte ich jenem Vorgesetzten das Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ des deutschen Schriftstellers Sten Nadolny empfohlen. Der Protagonist des 1983 erschienenen Romans ist der englische Kapitän und Polarforscher John Franklin, der wegen seiner Langsamkeit immer wieder Schwierigkeiten hat, Schritt zu halten, aber schließlich doch aufgrund seiner Beharrlichkeit zu einem großen Entdecker wird.

 

In einem Alltag, der viel von Tempo und hoher Arbeitsdichte geprägt ist, wird immer häufiger von Entschleunigung und Achtsamkeit gesprochen. Viele sehen sich in einem Hamsterrad und hinterfragen zunehmend den Sinn ihres Tuns. Mir geht es nicht anders. Ein Bild, das mir lange in Erinnerung geblieben ist, ist das eines Gorillas, den ich vor ein paar Jahren im Berliner Zoo beobachten durfte. Mindestens 20 Minuten stand er gebückt über dem Rasen und spielte mit einem Grashalm. „Zupfe ich ihn oder zupfe ich ihn nicht“, schien er zu denken. Fast beneidete ich ihn. Ich fühlte mich an meine Kindheit erinnert... ein längst vergangener Kosmos, in dem die Uhren noch langsamer liefen.

 

Seit ich einen kleinen Garten bewirtschafte, muss ich mich wieder dem natürlichen Rhythmus anpassen. Gras wächst eben nicht schneller, wenn man daran zieht. Blumen auch nicht, Erdbeeren und Salat auch nicht. Man lernt wieder, dass alles seine Zeit hat. Und man wird demütig vor den kleinen Wundern, die uns die Natur so freimütig schenkt. Staunend habe ich das Keimen meiner Tomatensamen beobachtet. Voller Freude habe ich die ersten selbstgepflanzten Kartoffeln geerntet. Der selbst gezogene Ruccola-Salat überrascht mit einer pikanten Würze. Die Zucchini überschlagen sich fast in ihrem Wachstum und die Rosen verschenken ihren zarten Duft.

 

Kirschen und Beeren muss ich zwar häufig mit den Vögeln teilen, doch das nehme ich gerne in Kauf. Überhaupt bin ich überrascht, wie standorttreu viele Vögel sind. Ein unerschrockenen Amselpäarchen begleitet mich häufig beim Rasenmähen. Ein Grünspecht macht regelmäßig eine Stipvisite, genauso wie die drei Elstern, die meine Frau Gabriele flapsig „Die drei von der Tankstelle“ getauft hat. Das Kohlmeisenpaar brütet schon zum dritten Mal in unserem Vogelhäuschen. Letztes Jahr schaute der gerade flügge gewordene Nachwuchs zu unserem Wohnzimmerfenster rein und beobachtete uns beim Frühstück … das letzte Flaumhaar noch auf dem Kopf tragend. Herrlich!

 

Mein Schwiegervater resümierte kürzlich bei einer gemeinsamen Tasse Kaffee sein Leben und schloss mit folgendem Zitat:

 

Willst du einen Tag lang glücklich sein, betrinke dich!

Willst du eine Woche lang glücklich sein, schlachte ein Schwein!

Willst du ein Jahr lang glücklich sein, heirate!

Willst du ein Leben lang glücklich sein, werde Gärtner!

 

Offensichtlich bin ich ein Glückspilz – ich bin nach 15 Jahren immer noch glücklich verheiratet und freue mich zusätzlich über all die kleinen Wunder in unserem Garten...

 

 

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